Es ist ein Montag Morgen im November, ich steige ins Auto. Draußen ist es herbstlich, nass und kalt. Perfektes Wetter also, um zuhause zu bleiben. Doch mein Ziel lohnt sich: Ich bin verabredet mit Cleo Skribent im Brandenburgischen Bad Wilsnack und darf einen spannenden Einblick in die Manufaktur gewinnen.

Bad Wilsnack ist ein Kurort im Landkreis Prignitz im Nordwesten Brandenburgs, nah an der Grenze zu Niedersachsen. Der beschauliche Ort zählt rund 2.700 Einwohner und liegt zwischen Perleberg und Havelberg – oder, um es in einer größeren Dimension zu veranschaulichen: ungefähr in der Mitte der Luftlinie zwischen Hamburg und Berlin.

Die Produktionsstätte

Die Manufaktur ist auf insgesamt drei verschiedene Gebäude aufgeteilt. Zwei Gebäude bilden den geographischen Firmenkern, beim dritten Gebäude handelt es sich um eine ehemalige Schule. In dieser befinden sich die Verwaltung und der Werksverkauf (hierzu später mehr).

Doch zurück zu den Hauptgebäuden. Das obige Titelbild zeigt das größere der beiden (Kern)-Gebäude.

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Genau hier beginnt mein Besuch. Nach einigen warmen Willkommensworten und einer Tasse Kaffee machen wir uns auf den Weg zum kleineren Gebäude, in dem die Produktion stattfindet.

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Ein erster Einblick in die Räumlichkeiten des Erdgeschosses…

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…gewährt auch direkt einen Blick auf die einzelnen Bauteile für die Schreibgeräte. Cleo Skribent stellt mittels Spritzgusstechnik Kunststoff-Teile in Eigenregie her.

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Weiter geht’s.

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Ebenso vorhanden – und heute unverzichtbar – ist die CNC-Technik. CNC („Computerized Numerical Control) bedeutet übersetzt „rechnergestützte numerische Steuerung“. Nichts anderes steckt dahinter: Durch eine Vorgabe, die am Computer eingegeben wird, erfolgt eine präzise und automatisierte Umsetzung des gewünschten Arbeitsschrittes. Dank CNC erfolgt die Produktion mit größtmöglicher Präzision und Perfektion.

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Der Schaft eines Schreibgerätes ist gerade in Bearbeitung:

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Cleo Skribent stellt nicht nur markeneigene Schreibgeräte her, sondern arbeitet auch als Zulieferer für andere Unternehmen. Hier sind die Schäfte einer Sonderedition zu sehen, die ein bekannter Füllerhersteller lanciert hat.

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In der nächsten Räumlichkeit erkenne ich den bekannten Messograf (Affilate-Link) – oder genauer gesagt ein Entwicklungsstadium des Messografen.

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KS steht für Kugelschreiber, BS für Bleistift.

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Nun geht’s an’s Eingemachte: Wir betreten den Raum, in dem die Federn bearbeitet werden. Wenn es um Schreibgeräte geht, dann sind Füllfederhalter die Königsdisziplin – Und das Herzstück dieser Königsdisziplin ist die Feder. Diese ist entscheidend für das Schreibgefühl und letzten Endes verantwortlich für das, was auf’s Papier kommt.

Die Bearbeitung der Federn erfolgt mit großer Akribie. Man spürt die Konzentration in der Luft, es herrscht Stille, die Mitarbeiter tragen vielfach vergrößernde Brillen. Auf die Federn wird eine blaue Substanz appliziert. Diese sorgt bei der darauffolgenden Rhodium-Beschichtung durch Galvanisierung dafür, dass der bemalte Teil der Feder nicht rhodiniert (also mit einer silbernen Farbgebung versehen) wird, sondern seine ursprüngliche, goldene Farbe behält. Der Arbeitsschritt ist daher nur erforderlich, wenn die fertige Feder einen Bi-Color-Effekt haben soll.

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Die Zusammensetzung der blauen Farbe bleibt das Geheimnis der Manufaktur.

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Nur sehr wenige Unternehmen galvanisieren Federn – Cleo Skribent zählt dazu. Dies erklärt, warum ich heute in diesem Raum keiner Cleo-Feder begegne, sondern solchen Federn, die Cleo Skribent für andere Hersteller unter Anwendung dieser Verfahrenstechnik bearbeitet.

Ein vereinfachter Erklärungsversuch der Galvanik: Der zu beschichtende Gegenstand zuerst negativ aufgeladen und dann mit der positiv aufgeladenen Beschichtungssubstanz in Kontakt gebracht. So wird eine unzertrennbare Verbindung zwischen Gegenstand und Beschichtung hergestellt. Zusammen mit einem Reinigungsbad sind insgesamt drei Arbeitsschritte (also drei Einzelbäder) erforderlich.

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Der Werksverkauf

Meine Reise ist noch nicht zu Ende: Nach der Manufakturbesichtigung geht es noch zum Werksverkauf. Dieser befindet sich zusammen mit der Firmenverwaltung in einer alten Grundschule und ist etwa fünf Autominuten vom eigentlichen Firmenstandort entfernt.

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Um in den Verkaufsraum zu kommen, muss man am Eingang klingeln. Was sich einem dann offenbart, ist ein großzügiges Sortiment, das bereitwillig darauf wartet, entdeckt zu werden.

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Ich habe mir definitiv die richtige Reihenfolge ausgesucht. Was könnte es schöneres geben als nach Besichtigung des Produktionsstandortes einen Blick auf die vollendeten Schreibgeräte zu werfen?

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Ich entdecke einige Schreibgeräte wieder, deren Bauteile ich erst vor kurzem in den Produktionsräumen gesehen habe. Die Natura-Modelle (am rechten Rand des letzten Fotos) haben es mir angetan. Mein Wunsch-Modell mit der passenden Feder war leider nicht vorrätig – Vielleicht klappt es ja ein anderes Mal.

Fazit

Im Vorfeld habe ich mir die Frage gestellt, ob die Kenntnis der Produktion einen Gegenstand entzaubern kann. Immerhin erlangt man einen Blick hinter die Kulissen und sieht nicht mehr nur das fertige (und perfekte) Produkt, sondern den gesamten Weg dorthin. Erstaunlicherweise kann ich diese Frage nun mit dem genauen Gegenteil beantworten: Die „Magie des Endproduktes“ geht in keinem Fall verloren – Vielmehr hat die Kenntnis der Herstellung meine Wertschätzung für die Produkte gesteigert.

Beeindruckt hat mich einerseits, wie viel menschliches Geschick in die Herstellung der Schreibgeräte fließt – nicht nur bei den Federn. Dass Computer und moderne Technik heutzutage unverzichtbar sind, ist klar. Gleichwohl hat Cleo Skribent die Bezeichnung als Manufaktur verdient. Man konnte die Freude und auch den Stolz der Mitarbeiter, Teil der Herstellung edler Schreibgeräte zu sein, spüren.

Anderseits war es spannend zu beobachten, dass in Bad Wilsnack grundlegende Komponenten für andere, namhafte Hersteller produziert werden. Dies sehe ich als Beweis für ein beeindruckendes Know-How, das sich hier befindet.

Ein besonderer Dank gilt den Geschäftsführern, die mich sehr freundlich empfangen haben und sich die Zeit genommen haben, um mir an jenem Vormittag einen tollen Einblick zu gewähren und diesen Bericht zu ermöglichen.