Auf der Suche nach einer Alltagstinte für meinen schildpatt-braunen Pelikan M400 habe ich die J. Herbin Lie de Thé entdeckt. Schon nach dem Schreiben weniger Zeilen stand fest, dass diese meine neue Lieblingstinte sein würde. Nicht nur, dass Lie de Thé hervorragend mit dem Farbton meines M400 korrespondiert. Das Braun ist zurückhaltend, aber zugleich außergewöhnlich schön. Auch wenn braune Tinten nicht unbedingt die beliebtesten sind, lohnt es sich, Lie de Thé einmal anzuschauen.

J. Herbin ist der weltweit älteste Name, der in Verbindung zur Herstellung von Tinte steht. Schon vor dem 18. Jahrhundert stellte J. Herbin Tinten her, damals hauptsächlich für die Benutzung auf Schiffen. Wenn man heute einen Blick auf die Tinten wirft, dann fallen zunächst die malerischen, poetischen Namen der verschiedenen Tinten auf: So zieren unter anderem Bezeichnungen wie Éclat de Saphir, Ambre de Birmanie, Bouquet d’Antan oder eben Lie de Thé die Tintengläser.

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Lie de Thé bedeutet übersetzt in etwa Bodensatz des Tees oder Teedepot und ist nichts anderes als die braune, durchnässte Substanz, die sich am Boden eines Teebechers absetzt, wenn man ihn fast ausgetrunken hat.

Die Tintenzeilen für diese Review habe ich mit meinem Pelikan Souverän M400 Schildpatt-Braun Limited-Edition geschrieben. Als Papier haben mir ein blauer Oxford-Block mit 90g/m² und ein Notizbuch von Pratesi Florence gedient.

Verpackung, Preis und Auftritt

Der Auftritt der J. Herbin Lie de Thé gibt sich äußerst gefällig. Das gesamte Design ist ansprechend und klassisch und wirkt hochwertig. In Zeiten der Globalisierung ist es zudem schön zu sehen, dass die Tinten „made in France“ sind.

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Für jede Tinte gibt es eine andere Illustration. Die Lie de Thé wird – der Namensgebung entsprechend – von einer hübschen Teekanne geziert. Praktisch ist auch das kleine Farbfenster, das oben auf der Verpackung platziert wurde. Wer mehrere J.-Herbin-Tinten besitzt, kann auf den ersten Blick erkennen, welche Verpackung welche Tinte beinhaltet.

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Das Tintenbehältnis ist aus Echtglas. Die Öffnung ist groß genug, um auch größere Füller ohne Probleme befüllen zu können. Die Form des Glases ist charakteristisch für Tinten von J. Herbin.

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In dem Tintenglas befinden sich 30 ml. Für die J.-Herbin-Tinten bezahlt man im Internet ungefähr 10 bis 12 Euro inklusive Versand. Mit 3,50 Euro für 10 ml liegt das Preisniveau  von J. Herbin im oberen Bereich: 10 ml herkömmlicher Montblanc-Tinte liegen bei etwa 3,00 Euro, 10 ml Diamine-Tinte kosten circa 2,00 Euro, 10 ml von Rohrer & Klingler liegen zwischen 1,60 und 1,80 Euro und 10 ml Pelikan-4001-Tinte kosten 1,30 bis 1,50 Euro. Pilot-Iroshizuku-Tinten liegen mit ungefähr 3,80 Euro für 10 ml über dem Preis der Tinten von J. Herbin.

Die Tinte: Farbe, Aussehen und Shading

Trotz eines intensiven Shadings und eines außergewöhnlichen, ansprechenden Brauntons ist die Lie de Thé hervorragend lesbar und zugleich angenehm zurückhaltend. Dies macht sie zu einer idealen Tinte für den Alltag, da sie nicht von dem geschriebenen Inhalt ablenkt, wenn es darauf ankommt. Man kann sich aber auch in den herrlichen Farbnuancen der Lie de Thé verlieren kann, wenn man will. Gerade die Kombination aus einem schlichten und zugleich außergewöhnlichen Farbton ist nur selten zu finden, da sich diese Eigenschaften meist gegenseitig ausschließen.

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Die Farbtöne, die die J. Herbin Lie de Thé hervorbringt, reichen von einem dunklen, an Schokolade erinnernden Braunton bis zu gold wirkenden Nuancen. Die Farbe ist stets satt und angenehm. Die Tinte hat irgendetwas Magisches. Ob es der satte Braunton ist? Genau kann ich es nicht sagen, aber was es auch ist, es zieht mich in seinen Bann.

Das Braun neigt nicht zu Gelb-, Grün- oder Rotnuancen; es bleibt bei einer satten, braunen Farbe.

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Hinsichtlich des Shadings ist interessant, dass dieses nicht wie üblich durch tintenreichere, nassere Bereiche auf den Tintenlinien entsteht, sondern vielmehr durch die Linien, die eher tintenarm erscheinen. Mit anderen Worten: Normalerweise entsteht Shading in Gestalt eines dunkleren Farbtons, wenn sich auf einer Stelle besonders viel Tinte befindet. Bei Lie de Thé scheint das Shading hingegen hauptsächlich durch die helleren, goldfarbig wirkenden Tintenlinien zu entstehen, die nicht so tintenintensiv sind.

Ein Mehr an Tinte wird dementsprechend nur ein kleines bisschen dunkler.

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Die Tinte wirkt eher dünnflüssig. Dies führt meiner Beobachtung zufolge dazu, dass die Tinte, wenn sie frisch auf dem Papier aufgetragen wurde, ein fast schon magisches Glühen an den Tag legt. Dieses scheint sich sodann beim Trocknen in das Papier einzubrennen und aus dem glühenden Braun wird ein haselnussfarbener Tintenfilm.

Auf dem Papier der Pratesi Florence Notizbücher kann man das sensationelle Shading besonders gut beobachten.

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Tintenfluss, Trockenzeit und Wasserfestigkeit

Die Lie de Thé bietet ein hervorragendes Schreibverhalten. Aufgrund der beobachteten Dünnflüssigkeit ist der Tintenfluss sehr gut. Die Trockenzeit erscheint überdurchschnittlich gut.

Die Tinte ist nicht wasserfest.

Zusammenfassung

So schnell wie die Lie de Thé hat sich bei mir noch kein Tintenglas geleert. Der Braunton dieser Tinte weiß jeden Tag aufs Neue zu begeistern. Die Tinte ist dunkel und zurückhaltend genug, um problemlos im Alltag verwendet werden zu können und auch bei anspruchsvollen oder gar wissenschaftlichen Aufzeichnungen nicht mit der Konzentration auf den Inhalt zu konkurrieren. Gleichzeitig ist das Farbspektrum der Lie de Thé fantastisch: Das dunkle Braun bietet warme, teilweise goldenen Nuancen.

Ich bin schon gespannt auf die anderen Tinten, die J. Herbin anbietet. Auch wenn Lie de Thé es geschafft hat, mich voll und ganz zu begeistern, hat die Tinte meine Neugier auf die anderen Farben geweckt.


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